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  Endlich wieder bühnenreif
Artikel vom: 2006-10-03
 
  Experten bieten Hilfe an, wenn das Musizieren krank macht  
  Leicht und selbstverständlich perlen die Töne aus dem Klavier. Scheinbar mühelos „schüttelt“ Julia Hülsmann funkelnde Läufe aus dem Handgelenk und setzt feine Akkord-Tupfer mit der Linken hinzu. Man hört nicht die jahrelange harte Arbeit, die hinter der entspannten Virtuosität steckt, und man ahnt nicht, dass die 37-jährige Jazz-Pianistin noch vor kurzer Zeit um diese Lockerheit bangen musste.

Vor knapp zwei Jahren ging nichts mehr: Nach wenigen Minuten am Klavier schmerzten ihre Handgelenke. Diagnose: Sehnenscheidenentzündung. Die zarten Führungsschienen ihrer Fingersehnen waren überlastet. Die nun verordnete Klavierpause bremste nicht nur ihre Freude am Spiel, sondern stellte auch ihren Broterwerb infrage.

Berufserkrankungen bei Musikern sind keine Seltenheit, sagt der Neurologe Professor Eckhart Altenmüller: „Zwei von drei Musikern erkranken – zumindest zeitweise – an ihrer Kunst. Etwa acht Prozent erleiden so schwere Gesundheitsstörungen, dass sie nicht mehr spielen können.“ Altenmüller, der selbst auch Musiker ist, leitet das Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover. Er kennt die Gründe für das verbreitete Künstlerleid gut: „Das ständige Üben komplizierter Bewegungsabläufe überlastet leicht Bewegungsapparat und Nervensystem.“

Pausen sind wichtig

Auch Laien bleiben nicht verschont, insbesondere wenn sie intensiv, aber unregelmäßig üben. Jedes Trainieren erfordert auch Pausen, wie Altenmüller betont: „Nach 45 Minuten sollte man ein wenig ausruhen.“ Das glaubt Julia Hülsmann mittlerweile gerne. Die Schmerzen traten auf, als sie nach der Geburt ihres Sohnes gleich wieder intensiv zu spielen anfing.

Für solche Fälle bietet auch das Berliner Kurt-Singer-Institut Unterstützung an. „Bestimmte Spieltechniken können helfen, Beschwerden zu lindern oder sie erst gar nicht auftreten zu lassen“, sagt die Pianistin und stellvertretende Leiterin des Instituts Professorin Heide Görtz. Ihre Kollegin, die Cellistin Alexandra Müller, kümmert sich bei den Streichern um ein gesundheitsverträgliches Spiel. Die Zwangshaltung, in der viele Geiger und Cellisten stundenlang ihre Instrumente bearbeiten, ist wahres Rückengift.

Empfindliche Künstlerseele

Ebenso leicht unter Druck gerät die Künstlerseele. „Ein bisschen Lampenfieber gehört dazu“, sagt Alexandra Müller, „bei vielen wird die Auftrittsangst aber so groß, dass sie ihr Spiel beeinträchtigt.“ Deshalb gehört auch das Trainieren eines entspannten Auftretens zum Kursangebot.

Das 2002 gegründete Institut will die Lücke schließen, in der sich kranke Musiker oft allein gelassen fühlen. „Ärzte verstehen meist nicht, wie katastrophal sich ein relativ harmloser Befund für einen Musiker auswirken kann“, sagt Heide Görtz. In der eigenen Zunft hingegen sind Gesundheitsstörungen häufig tabu. Viele Betroffene verschweigen ihr Problem, um ihren „Marktwert“ nicht zu mindern.

Professor Manfred Gross, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Berliner Charité, hat ebenfalls viele Patienten, die ihr Leiden nach Möglichkeit geheim halten. Denn sowohl Stimm- als auch Gehörverlust wirken sich empfindlich auf die Einsatzfähigkeit eines Tonkünstlers aus.

Bei Sängern bilden sich leicht Knötchen auf den Stimmlippen. Der große Caruso etwa musste sich mehrfach Operationen unterziehen. Durch die Knötchen kann die Stimme bis zu einer Oktave an Tonumfang verlieren. „Eine gute Gesangstechnik kann diesem Problem vorbeugen“, sagt Gross. „Man sollte vermeiden, mit zu viel Kraft zu singen.“ Bei Pop- und Rocksängern jedoch ist der gepresste, kehlige Sound manchmal gerade ein Stilelement.

Schutz vor Hörverlust

Popmusiker sind zudem häufiger von bleibenden Hörschäden betroffen. Die Lautstärke vor meterhohen Boxenwänden ist mitunter der von startenden Flugzeugen ebenbürtig. Doch auch im Orchestergraben wird es schnell ohrenbetäubend. Um einem Hörverlust vorzubeugen, empfiehlt Gross spezielle Ohrenstöpsel. Die Einnahme von Magnesium soll ebenfalls einen gewissen Schutz bieten, meint der Mediziner.

Insgesamt ist es um die Gesundheit von Pop- und Jazzmusikern aber besser bestellt. Ihre Art zu musizieren ist spielerischer und weniger von Perfektionsdrang getrieben. Klassische Musiker dagegen müssen den strengen Vorlagen festgelegter Kompositionen genügen.

Zu viel Ehrgeiz schadet

Dies mag der Grund dafür sein, dass sie öfter am so genannten Musikerkrampf leiden – der „fokalen Dystonie“. Bei dieser Erkrankung gehorchen plötzlich einzelne Finger nicht mehr und verkrampfen sich beim Spielen. Bei Bläsern betrifft der Krampf die Lippen, so dass ihnen kein sauberer Ton mehr gelingt. Die genauen biologischen Ursachen dafür sind nicht bekannt. Mediziner gehen davon aus, dass das ehrgeizige Üben monotoner Bewegungen bei manchen Menschen motorische Programme im Gehirn stört.

Die Therapie ist langwierig. Ein Training der Körperwahrnehmung kann helfen. In schwereren Fällen empfiehlt Eckhart Altenmüller ein bestimmtes Parkinson-Medikament oder den Einsatz des Nervengifts Botulinumtoxin. „Damit muss sich der Arzt allerdings sehr gut auskennen, weil die Spritzen leicht die ganze Hand lähmen können“, warnt der Mediziner.

Für eine offensive Maßnahme entschied sich auch Julia Hülsmann: Sie ließ die Sehnenfächer von einem Handchirurgen spalten. Von dieser Maßnahme rät das Kurt-Singer-Institut in der Regel ab. „Man sollte an den Ursachen arbeiten“, sagt Alexandra Müller, „also Haltung und Spieltechnik ändern oder seelische Konflikte lösen.“

Julia Hülsmann glaubt an dieses Prinzip. Doch sie hatte Angst vor einer zu langen Pause. Daher entschied sie sich für den chirurgischen Schnitt und ging auf dreiwöchige Tournee. Bis heute ist sie schmerzfrei und wieder „absolut glücklich“ mit ihrem Beruf – der Musik.

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